Studie: Merkmale und Bedingungen studienbezogener Lern- und Arbeitsstörungen – eine Bestandsaufnahme

Das Bayerische Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung hat eine Studie zur Erforschung studienbezogener Lern- und Arbeitsstörungen herausgegeben. Ein bis dato relativ unerforschtes Feld. Die Studie beschäftigt sich mit der Frage, ob studienbezogene Leistungsanforderungen körperliche und psychische Symptome bzw. Störungen ausbilden können. Ein durchaus wichtiges Thema im heutigen Bildungsdiskurs, schaut man sich die immer währende Diskussion um Bildungsstandrads, neue Leistungsnachweise und Kompetzenzmodelle an. Auf den Auszubildenden und Studenten lastet ein permanenter Erfolgsdruck den es zu bewältigen gilt.

Insbesondere für Studierende besteht aufgrund der Neugestaltung des Bildungssystems ein spezifisches Risiko, im Zusammenhang mit einem kompakten und von Leistungsnachweisen geprägtem Studium an Langzeitschäden zu erleiden. Besondere Bedeutung kommt dabei den studienbezogenen Lern- und Arbeitsstörungen zu. In Anlehnung an Hoffmann und Hofmann (2004), Holz-Ebeling (2006) und Reysen-Kostudis (2006) werden studienbezogene Lern- und Arbeitsstörungen werden als Prozesse des Erlebens und Verhaltens verstanden, die eine effektive Bewältigung von Studienanforderungen verhindern oder maßgeblich stören. Trotz ihrer gesundheits- wie arbeitspolitischen Relevanz wurden diese bisher kaum erforscht. Deskriptive Analysen zur Häufigkeit studienbezogener Lern- und Arbeitsstörungen, ihren relevanten Merkmalen und Bedingungen sind jedoch eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung nachhaltiger adaptiver und differenzieller präventiver wie interventiver Maßnahmen. Ausgehend von einer multidimensionalen Sichtweise von Lern- und Arbeitsstörungen auf zwei Ebenen werden in der Studie anhand einer Stichprobe von 736 Studierenden typische Merkmale und Folgeerscheinungen, spezifische auslösende Situationen sowie relevante interne und externe Bedingungen dargestellt.

Gefragt wurde nach der Realisierung der Lern- und Arbeitsstörungen, den auslösenden Momenten der Lern- und Arbeitsstörungen sowie den internen und externen Bedingungen, die für die Entstehung von Lern- und Arbeitsstörungen relevant sind. Die Ergebnisse sind erstaunlich:

  • Bei den meisten Studenten äußern sich Lern- und Arbeitsstörungen durch Ausweichverhalten (60, 4 Prozent). Fast ebenso viele Studierende benennen das Aufschieben von Arbeitsaufträgen (57,5 Prozent) als Merkmal ihrer Lern- und Arbeitsstörungen. Aufschieben von Arbeitsaufträgen steht in einem engen Zusammenhang mit Ausweichverhalten. Aufschieben bedeutet, dass vermieden wird, sich einer Aufgabe, die erledigt werden muss, konsequent und zeitnah zu widmen. Die Angelegenheit wird vor sich her geschoben und stattdessen werden andere für den Studienerfolg weniger wichtige Dinge erledigt. Es kann vermutet werden, dass Studierende, das Aufschieben von Arbeitsaufträgen als Merkmal ihrer Lern- und Arbeitsstörungen angeben, ebenfalls Ausweichverhalten benennen.
  • Ungefähr die Hälfte der Studierenden leidet unter Konzentrationsschwierigkeiten (57,4 Prozent) und leichter Ablenkbarkeit (54,5 Prozent).
  • Ebenfalls Merkmale wie Motivationsmangel/Arbeitsunlust (53,2 Prozent) und allgemeine Gefühle der Unlust (49,7 Prozent) werden von den befragten Studierenden sehr häufig genannt. Das Arbeitsverhalten ist durch ein weniger stetes und weniger motiviertes Verhalten gekennzeichnet. Der Befund ist insofern besorgniserregend, als ein Mangel an Motivation als einer der wichtigsten Gründe für das vorzeitige Beenden einer akademischen Karriere gilt.
  • Jeder fünfte Studierende benennt psychosomatische Beschwerden als Merkmal von Lern- und Arbeitsstörungen. In zahlreichen Untersuchungen konnte ein enger Zusammenhang von Problemen am Arbeitsplatz und Erkrankungen mit körperlicher und psychischer Symptomatik nachgewiesen werden.
  • Auslöser sind maßgeblich Tätigkeiten im Zusammenhang mit studienbezogenen Leistungsanforderungen zu finden, die eine benotete Bewertung einschließen, wie der Vorbereitung von mündlichen Prüfungen (49,4 Prozent) und Klausuren (44,7 Prozent) sowie der Ausarbeitung von Qualifikationsarbeiten (41,6 Prozent). Dies verwundert nicht, da mündliche und schriftliche Prüfungen in der Gesellschaft zwei wesentliche Funktionen übernehmen: die Selektion im Sinne einer Kandidaten- und Kandidatinnenauswahl bei Ressourcenknappheit (z. B. Studieneingangsprüfungen) und die Qualifikation im Sinne einer Feststellung von Kompetenzen auf dem geprüften Sachgebiet (z. B. Abschlussprüfungen) (Krapp/Weidemann 2006). Dabei sind ganz spezifische Leistungsnormen zu erfüllen. Leistungsnormen wurden im Rahmen der Stressforschung als potenzielle Stressoren am Arbeitsplatz identifiziert, die dazu führen können, dass das kognitive Leistungsniveau unter anderem durch Konzentrationsschwierigkeiten und leichte Ablenkbarkeit sinken und es infolgedessen zu Leistungseinbußen kommen kann (Litzcke/Schuh 2007).
  • Betrachtet man die externen sozialen und studienbezogenen Bedingungen, ist es die mangelnde Transparenz von Leistungsanforderungen (42,1 Prozent), die von den befragten Studierenden am häufigsten als Lern- und Arbeitsstörungen bedingend angegeben wird.

Weitere Ergebnisse gibt es als Studie zum Download (PDF) unter dem Link hier.

Über: Kai Reinhardt

Kai Reinhardt hat 10 Beiträge in diesem Blog geschrieben.

Autor des Buches Kompetenzmanagement in der Praxis.

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